Was sind Werte?

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ (Volksmund)
„Ein freundliches Wort ist mehr wert als es kostet.“ (E. Ferstl)
„Ein guter Freund ist mehr wert als hundert Verwandte.“ (Volksmund)
„Es ist mehr wert, jederzeit die Achtung der Menschen zu haben,
als gelegentlich ihre Bewunderung.“ (Jean-Jacques Rousseau)
„Du zählst, weil Du du bist. Und du wirst bis zum letzten Augenblick
deines Lebens eine Bedeutung haben.“ (C. Saunders)

Der Volksmund kennt Tausende von Redewendungen und Sprichwörtern rund um den Begriff „Wert“. Die darin geäußerten Wert-Vorstellungen drehen sich um materielle wie um ideelle Dinge: um Gegenstände, Ideen, Personen, Beziehungen. Menschen messen Sachen einen Wert zu (Kleidung, Auto etc.); sie wünschen sich ein lebenswertes Leben (Gesundheit, Wohlergehen, ewige Jugend); sie wollen vor anderen und in der Öffentlichkeit etwas gelten (Ehre, persönlicher Ruf); sie halten ästhetische und geistige Werte hoch (das Schöne, das Wahre) und sie sind bestrebt, gut, sinnvoll und solidarisch zu handeln (sittliche Werte). Schließlich gibt es Menschen, die eine absolute Transzendenz – Gott genannt – als obersten Wert für ihr Leben anerkennen und ihr Handeln von dort her begründen und gestalten (religiöse Werte).

Von Klein auf begegnen Menschen ihrer Umwelt nicht nur erkennend, sondern auch wertend. Als Einzelne wie als Gruppen machen sich Menschen eine Vorstellung davon, was gut, wünschenswert und vorzüglich ist – aber ebenso von dessen Gegenteil! So erwerben sie nicht nur eine Vorstellung des Wertvollen, sie entwickeln diese auch weiter (Wertewandel, Wertekombination), sie versuchen das subjektiv Wertvolle zu verallgemeinern (objektive Werte, Grundwerte); und sie wollen diese „ihre“ Werte an die Nachkommen weitergeben (Werteerziehung, Wertekommunikation, Wertetradierung).

Nach einer vielfach zitierten Definition sind Werte
„eine Auffassung vom Wünschenswerten, die explizit oder implizit (...) für ein Individuum oder für eine Gruppe kennzeichnend ist und welche die Auswahl der zugänglichen Weisen, Mittel und Ziele des Handelns beeinflusst“ (Cl. Kluckshohn, 1951; 1961).

Diese Definition ist sehr hilfreich, um die Wertefrage etwas näher auszuleuchten. Der Wertediskurs macht uns auf folgende sechs zentrale Aspekte aufmerksam:

(1.) Funktion der Werte: Werte sind gleichsam ein „innerer Kompass“, der das menschliche Verhalten orientiert, legitimiert und entlastet. Als „ideale Verhaltensmaßstäbe“ geben Werte dem Individuum (a) eine Orientierung, wie es sich in konkreten Konflikt- und Entscheidungssituationen verhalten soll. Sie dienen aber ebenso (b) zur rückblickenden und vorausschauenden Rechtfertigung von Handlungen einer Person gegenüber sich selbst wie gegenüber anderen Personen. Sie entlasten (c) die einzelnen Individuen, insofern sich diese an gemeinsam anerkannte Werte halten und so sich wechselseitig bestätigen. Auf diese Weise entsteht individuelle und kollektive Identität.

(2.) Wertsetzungen: Die Rede von einer „Auffassung des Wünschenswerten“ impliziert, dass Werte sich aus subjektiven menschlichen Wertungen ergeben. Menschen entwickeln also Werte, sie finden diese nicht einfach vor als „Ideen von oben“, als „ideale Seinsgegebenheiten“ (Platon). Werte sind ein „Produkt des Menschen“ (P.L. Berger/Th. Luckmann. S. 54). Dies bedeutet dann einerseits aber auch, dass es sehr unterschiedliche, ja konkurrierende Werte geben kann (Wertpluralismus) und dass Menschen Werte unterschiedlich stark gewichten (Wertehierarchie, Wertekombination) können; Andererseits sind Werte wandlungs- und entwicklungsfähig (Wertewandel, Werteumbruch) und sie können sogar ihren Wert verlieren, wenn sie nicht mehr für die Lebensführung tauglich sind. Werte können also ‚wertlos’ werden (Wertezerfall, Wertumbruch).

(3.) Wertmodelle: „Alles menschliche Tun ist dem Gesetz der Gewöhnung unterworfen. Eine Handlung, die man häufig wiederholt, verfestigt sich zu einem Modell, welches unter Einsparung von Kraft reproduziert werden kann und dabei vom Handelnden als Modell aufgefasst werden kann“ (Berger/Luckmann 1972: 111). Dies gilt nun auch für die Werte. Insofern Menschen bestimmte Dinge und Situationen immer gleich bewerten und sich ähnlich verhalten, bilden sie innere Wertmodelle aus, sog. Werthaltungen. Diese erworbenen Verhaltensdispositionen machen den einzelnen nicht nur für andere berechenbar, sondern entlasten ihn auch von der Bürde ständiger Entscheidungen in konkreten neuen Einzelsituationen.

(4.) Gemeinsame Werte: Menschen bilden aber nicht nur individuelle Werthaltungen aus, sie erschaffen auch kollektive Wertüberzeugungen. Mittels Kommunikation und Interaktion über das, was sie für wertvoll und vorzugswürdig erachten, verständigen sie sich auf gemeinsam geteilte Wertvorstellungen. Diese werden an Zeichensysteme (Sprache, Symbole, Rituale, Gesten) gekoppelt, um sie den einzelnen Mitgliedern einer kulturellen Gemeinschaft zugänglich zu machen. Die Sprache ist dabei das zentrale Medium, um die soziokulturellen Wertüberzeugungen an die nächste Generation durch Wertekommunikation tradieren zu können.

(5.) Institutionalisierte Werte: Die kollektiven Wertüberzeugungen unterliegen schließlich der Institutionalisierung, um sie zu verfestigen und somit der individuellen Beliebigkeit zu entziehen. So finden sie „ihren Niederschlag in sozialen Normen, gesellschaftlichen Rollen und Funktionen, in verfestigen Lebenskulturen und sozialen Gebilden, Gesetzen und Organen. Als Werte mit normativem Anspruch werden sie herangezogen zur Legitimation von handlungsregulierenden Sanktionen.“ Als „sinnverleihende Legitimationsgrundlagen der Gesellschaft“ tragen Werte „so zumindest indirekt zur ‚Verhaltenskonformität’ und zur Aufrechterhaltung des Gültigkeitsanspruchs von Werten bei“ (W. Folke 2001: 160).

(6.) Wertbegründung: Werte können keineswegs selbstverständliche Gültigkeit beanspruchen. Sie müssen immer wieder begründet und in ihrem Wert erhellt werden. Das ist die Aufgabe der philosophischen bzw. theologischen Ethik. Die Wertbegründung steht dafür, dass Werte weder beliebige individuelle Einstellungen noch einfach gesellschaftliche Konventionen sind. Werte brauchen, um auf Dauer akzeptiert zu werden, eine tieferliegende Begründung: in einer Philosophie, einer Weltanschauung oder in einer Religion. Ethischen Werten wird „hierdurch eine Tiefendimension verliehen (...), die ihnen einen größeren Gehalt und ein verstärktes Gewicht zukommen läßt“ (H. Kreß 1989: 242). Besonders der Gottesgedanke eignet sich dazu, unter Bezug auf das „Absolute“ bestimmte menschliche Werte (vgl. Dekalog) zu begründen und zugleich vor einer Verabsolutierung einzelner innerweltlicher Werte (z.B. ökonomische Werte) zu schützen.

Literatur:
Hartmut Kreß: Ethische Werte und der Gottesgedanke, Probleme und Perspektiven des neuzeitlichen Wertebegriffs, Stuttgart u.a. (Kohlhammer-Verlag) 1989
Folke, Werner: Vom Wert der Werte. Die Tauglichkeit des Wertbegriffs als Orientierung gebende Kategorie menschlicher Lebensführung. Eine Studie aus evangelischer Perpektive, Münster u.a. (Lit-Verlag) 2001
Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissenssoziologie. 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1972
Kluckhohn, Clyde: Values and Value-orientations in the theorie of action: an exploration in definition and calssification, In: T. Parson/E. Shils (Hg). Toward a general theory of action, Cambridge 1951, 388-433; F. Kluckhorn/F. Strodtbeck, Variations in value orientations, Evanston u.a. 1961

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